…nur ein kurzer Leserbrief an GROOVE


sollte man sich kurz mal durchlesen:

Warum Drum&Bass „nur“ Tanzmusik ist und von DubStep tatsächlich abgelöst wurde – oder: Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?


Genre, please!
Blättert man heute durch die aktuellen deutschen Musikmagazine, die sich mit elektronischer Tanzmusik befassen, bekommt man den Eindruck, als gebe es aus der Warte eines Techno-Journalisten keine unbedeutendere Musik als Drum&Bass.
Im Gegensatz zu den großen Dachverbänden House und Techno spricht man von Drum&Bass nur noch als einem Relikt aus den 90er Jahren, von einem längst überholten Modell, einer höchstens archäologisch interessanten, ausgestorbenen Seitenlinie elektronischer Musik. Man entsorgt ein ganzes Genre oder, falls man taktvoller sein möchte, aber damit nicht weniger skrupellos ist, man spricht D&B ab, überhaupt ein Genre zu sein und als solches die Möglichkeit, sich innerhalb eines genreeigenen Rahmens verändern und aktualisieren zu können.

Vielleicht hat man mit der Anerkennung einer Drum&Bass-Tradition im Rahmen eines Genres auch deshalb solche Schwierigkeiten, weil Drum&Bass Anfang der 90er an einer historischen Wendemarke stand: VORHER Musik der alten Zeitrechnung, die trotz aller Divergenzen noch als Genre (mit allem nötigen identifikatorischen Potential) wahrgenommen werden konnte und NACHHER Musik, die sofort aufgesplittert wird: ein weiterer Mikrostil oder Subsubgenre unter Vielen, die sich in rascher Folge ablösen und nur kurze Aufmerksamkeitsspannen zulassen. Kontinuität wird ersetzt durch das schnelle Versprechen neuer Revolutionen, die sich ganz postmodern umgehend relativieren oder beliebig rekombinieren lassen. Nach Hardcore kam Jungle, kam TripHop, kam JumpUp, kam TechStep, kam BigBeat, kam NuBreaks, kam Neurofunk, kam 2Step, kam Liquid, kam Grime, kam halt Dubstep… Drum&Bass hat aufgrund seiner rhythmischen Struktur und der hohen Geschwindigkeit, die sie von anderen Genres trennt, zwar ein recht klar umrissenes Terrain besetzt, befindet sich aber nicht mehr in der Position unangefochtener, langjähriger Genre-Sicherheit wie sie z.B. House oder Techno (als „Geisteshaltung“) für sich in Anspruch nehmen kann. Vielleicht braucht Drum&Bass aber einfach noch etliche Grabenkämpfe und weitere 10 Jahre Zeit…

Wie dem auch sei, Drum&Bass habe sein Potential innerhalb kurzer Zeit verpulvert, sei ausgebrannt, der Vibe (der Geist der Musik) verflogen und ist heute für das Techno-Feuilleton etwa so cool und relevant wie Goa. Naja, das Genre findet sich immerhin noch im Lexikon, man munkelt von geheimen Parties im Wald…

Das hörte sich Mitte der 90er (und das ist über 10 Jahre her!!!) in Spex, De:Bug oder Groove noch ganz anders an: Kaum ein Bericht oder eine Rezension kam ohne das Futurismus-Topos aus. Drum&Bass war die Zukunft der elektronischen Musik, „Jazz-Techno“, der Soul des noch nicht angebrochenen 21. Jahrhunderts. Soundästhetisch wähnte man sich im Manga-Metropolis von Blade Runner. Jede Platte war die nächste soundtechnische Revolution, reizte Equipment und Frequenzspektrum weiter aus. Der Schock des Neuen, die Erschließung eines neuen Geschwindigkeitsplateaus durch die Beschleunigung der Funk-Breaks, verwirrende Polyrhythmik schienen die Gehirne der Schreiber gehörig durcheinander zu bringen. Wohl daher rührte auch die damals gängige Beschreibung der Wirkung her: als Erschütterung der bestehenden „neuronalen“ oder „synaptischen“ Ordnung. Man hört da Faszination heraus, ein Hingerissen-Sein, wahrscheinlich blankes Unverständnis und die überstürzte Suche nach Erklärungen.

Groove?
Heute klingt das nach naivem Fortschrittsglauben, der jedoch keineswegs nur eine Erfindung der Journaille war. Viele Protagonisten haben am Mythos des Drum&Bass-immanenten Fortschritts mitgesponnen und sich so selbst davon überzeugt, Avantgarde zu sein, egal wie überschaubar der Kreis der Hörer/Tänzer auch bleiben sollte. Denn während die verwirrten Schreiber auf den ersten eigenen Partyerfahrungen zwar die Musik als nervöse Unruhe spüren konnten und die Beinmuskulatur wie bei Stromexperimenten mit Froschschenkeln zuckte, gelang es doch nur den Wenigsten unter ihnen den antigravitätischen Swing zu fühlen und die Füße in der Luft zu halten. Vergleichbar einer Katerstimmung nach der Party ist die Begeisterung verflogen, geblieben sind die Kopfschmerzen, Gedächtnislücken und die große Relativierung. Und möglicherweise die Enttäuschung, den eigenen Übertreibungen aufgesessen zu sein. Der Körper konnte nicht halten, was der Kopf versprochen hatte.

Drum&Bass war eben nur kurz, wenn überhaupt, die Zukunft von Techno und schon gar nicht per se futuristisch. Es war weniger Jazz unter den Bedingungen elektronischer Musik als vielmehr umgekehrt elektronische TANZmusik, die sich in einem bisher ungekannten Ausmaß Zugriff auf die riesigen Archive der interatlantischen BlackMusic-Tradition (eben auch Jazz und eben auch Techno) verschafft hat.

Neben allen hausgemachten Problemen von Drum&Bass (und davon gibt es genug!!!) gründet die Annahme, dass Drum&Bass popkulturell über die 90er Jahre hinaus keine Relevanz hat, 1.) schlicht auf überholten, überkandidelten Erwartungen des Pop- und Techno-Feuilletons und 2.) auf der Art, wie „Technohausen“ (eine virtuelle Stadt, die in Wirklichkeit doch in Europa steht) seine Ansprüche auf die Vorherrschaft in elektronischer Musik immer aufs Neue zu behaupten versucht.

Groove!
Thomas Meinecke schreibt in einer Kolumne für Groove, Drum&Bass sei Musik für kalkweiße, pickelige Jungs. Für Nerds, die von den aberwitzigen Rhythmen fasziniert sind, aber nicht dazu tanzen können. Er äußert immerhin Verständnis für die armen Jungs (war er doch selbst einer von ihnen), da die Beats schon irgendwie interessant klängen, man sich zu so kantigen Rhythmen aber ganz allgemein nicht bewegen könne. Es ist bemerkenswert, wie jemand seine eigene Unfähigkeit zu Tanzen zu einem Kernproblem einer ganzen Musik machen kann. Vielleicht fehlt dem inzwischen kahl gewordenen Nerd einfach der Funk.

Groove tut sich seit einiger Zeit besonders hervor, wenn es darum geht, Drum&Bass als vollkommen überflüssige Musik darzustellen. Wollte man zynisch sein, müsste man dem Magazin immerhin zugute halten, dass überhaupt darüber geschrieben wird. Magazinen wie Spex oder De:Bug ist Drum&Bass gar keine Erwähnung mehr wert.
In der Rubrik „Was stand vor 10 Jahren im Groove“ distanziert man sich von einem Interview mit Grooverider, der sich wortkarg zeigte und nicht besonders helle schien. Das mag sogar stimmen, sagt aber nichts über die Musik aus, sondern vielmehr darüber, wie peinlich berührt die Redaktion heute ist, dass man solchen Idioten (die unschlaue Musik gemacht haben müssen, so genau weiß man das heute nicht mehr, damals haben die Drogen noch gewirkt…) auf den Leim gegangen ist und gleich die Cover-Story gegeben hat. Da wird über BlingBling-Goldie hergezogen und an die Kurzlebigkeit des Bristol-Trends um Roni Size und seine Reprasent-Crew. Die alten Leichen im Keller.
Immerhin: Ricardo Villalobos zollt Drum&Bass an anderer Stelle Respekt. Allerdings nur für technische Errungenschaften, reines Sounddesign…

Fragen wir doch einfach…
Was genau ist an Drum&Bass für die hippen Meinungsmacher so uncool? Ist es der von HipHop und Reggae geprägte Rudeboy-Style mitsamt seinen grafischen (Artwork) und nominalen (Namensgebung) Eigenheiten? Die comic-hafte Übertreibung des Erbes von Happy Hardcore? Die in der DNS von D&B festgeschriebene Bastardisierung verschiedenster Stile im Gegensatz zu einer reinen Lehre? Die ökonomische Bedeutungslosigkeit eines zu kleinen Marktes, daraus resultierend ein unfassbares Repräsentations-Gerangel der Subgenres? Die Unmöglichkeit Techno und D&B musikalisch in einem Mix zu kombinieren (mal abgesehen von Gabba…)? Ist es vielleicht eine spezielle Haltung, die keine Anknüpfungspunkte zur Mode oder zur Hochkultur bietet, sondern sich mit dem subkulturellen Kapuzenpulli begnügt?

Was haben alle diese Schüsse ins Blaue gemeinsam? Gibt es einen gemeinsamen Nenner?
Man könnte einen Verdacht äußern. Dass sich da wahnsinnig kosmopolitische, elitäre, weiße Mittdreißiger von wilden Stämmen und vom asigen Ghetto, der Keimzelle jeder relevanten musikalischen Entwicklung innerhalb der elektronischen Musik (…muss man wirklich noch nennen, was gemeint ist? FUNK, HIPHOP, CHICAGO, DETROIT, JUNGLE!!!) abgrenzen wollen.

Alt, trocken und zäh
Drum&Bass-Releases werden gar nicht mehr besprochen; der freigewordene Groove-Platz wurde von einer DubStep-Kolumne eingenommen. Die Ersetzung von Drum&Bass durch DubStep ist bezeichnend für die Art, wie Technohausen mit neu ins Blickfeld geratenen Stilen umspringt; diese mal integriert oder ignoriert, ganz wie man es nötig hat.

Zunächst auf ganz offensichtliche Weise: Man nimmt den neueren Sound (und unterschlägt dabei natürlich so gut es geht die vorangegangene Entwickling dieses „revolutionären“ Stils, denn dann müsste man ja zugeben, dass einem Garage oder 2Step, vielleicht nach kurzer Jubelphase, jahrelang am Arsch vorbeigegangen ist) und schreibt mit am Hype oder nutzt diesen bloß aus. Übrigens betont die DubStep-Kolumne, ganz Leichenfledderer, gerne öfter mal, dass Drum&Bass in einer „kreativen Sackgasse“ stecke und sich Produzenten der alten Musik nur im neuen Format ganz offen und frei ausdrücken können. Klar, das Format ist noch nicht so rigide wie es D&B im Lauf von 10-15 Jahren geworden ist, aber wirft man deshalb z.B. House gleich ganz weg?

Der neue Afro-Futurismus – ein gefundenes Fressen
Eine etwas andere Sicht der Dinge: DubStep als Frischzellenkur für das kalkgesichtige, immer älter werdende Techno-Establishment. Dekadente Mittdreißiger, die seit drei Dekaden elektronische Musik hören, ihren Drogenkonsum diszipliniert durchziehen und ihre Begeisterung auf der Tanzfläche nur durch das Heben ihrer rechten Arme kundtun, denn in der Linken halten sie ihre Drinks und sie schwitzen nur, weil es im Club so voll ist und sie nicht mehr zu tanzen brauchen: Diese Vampire brauchen frisches Blut. Vampire, die kaum spürbare, minimale Veränderungen in einem Track, der hundert anderen gleicht, als kulturelles Ereignis feiern. Bleichgesichter, die schwarze Musik verschleppen und verkaufen und davon versuchen zu leben. Eben das altbekannte Verfahren wie bei jeder anderen populären Musik, die innerhalb der weißen, europäischen Kultur erfolgreich wurde.
Technohausen brauchte schon immer seine Dosis Afro-Futurismus, egal aus welcher Quelle, Hauptsache FUNK: farbig und phat. Zuviel davon könnte tödlich sein, die Musik würde zu eigen, zu sehr Farbe bekennen und könnte die Massen nicht mehr auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen, den einfachsten Schlag, den Herzschlag einer Maschine, denn um auf breiter Basis erfolgreich zu werden, genügt es schon den Beat zu begradigen und den Rest leiser zu drehen.
Aber immer wenn die Stimmung zu Kippen droht, wenn die wächsernen Kids die HJ-Hemden wieder offen tragen, Schaum vorm Mund, die Nietengürtel spitzer und die Sonnenbrillen größer werden, dann braucht Technohausen ehrlichen, rauen Afro-Futurismus. In homöopathischen Dosen. Da ist man dann drauf, das ist spannend, da weiß man nicht, wie hart es knallt. Überdosierungen kommen gelegentlich mal vor, aber die Schäden tragen Einzelpersonen, das System regeneriert sich, zur Not schiebt man die verrückten Neger halt ab.

Und warum? Um sich und seinen Freunde zu zeigen, dass man immer noch cool und frisch ist und die beste Nase für den heißen Scheiß hat. Denn eigentlich wissen sie längst, dass hinter den After-Hours, den Selbstgesprächen, den Projekten im Planungsstadium, dem größenwahnsinnigen Kulturanspruch und der Zurschaustellung künstlerischen Interesses nur teure Software mit amtlichen PreSets und langweiliger deutscher Mittelstand steht, der statt Vorgärten nun die Parks in Beschlag nimmt. Oder aber, und das wäre noch fataler, sie sind tatsächlich mit Mitte 30 immer noch so drupp wie nachm Abi auffer Mayday und dopen sich heute noch zusätzlich, um den Tag in der Agentur zu überstehen oder auf ihrem DJ-Gig nicht nach 3 Uhr wegzunicken. Vielleicht ist wirklich eher Mitleid angebracht. Da rücken Labelmacher, DJs, Softwarehersteller, Promoter und Redakteure in Zeiten des Niedergangs zur Notgemeinschaft „Familie“ zusammen und loben sich gegenseitig durch: Platten sind super, DJs sind geil, die Deko ist abgefahren und Techno ist alles was einem gerade einfällt.

Sie packen übrigens den heißen Scheiß dann erst an, wenn ein anderer Depp den Stoff vorher schon probiert und für wirksam befunden hat. Solche Erstkonsumenten, meist Eigenbrötler, die sich im Kleinen jahrelang um ihre zarten Pflänzchen kümmern, spüren übrigens irgendwann verheerende Nebenwirkungen des Stoffs. Drum&Bass-Promoter und -DJs gehören zu diesem Grüppchen, genau wie in einigen Jahren die DubStep-Futuristen dazugehören werden. Denn während die nicht oft genug ihre neugewonnene Vorreiterrolle erwähnen können, vergessen sie dabei, dass Technohausen diesen Titel nur kurzzeitig vergibt und bei Bedarf jederzeit wieder entziehen kann. D&B und DubStep können sich dann zusammen an der brennenden Tonne wärmen. Die lungern dann herum in den Suburbs von Technohausen, dürfen aber nicht mehr in die City und in die schicken Clubs.
Technohausen freut sich derweil über langsamere Beats und das wohlige Gefühl, nicht allzu weit von Papa Berghain und Onkel BummBumm weg zu sein. Würde der Bass nur nicht so drücken und die Herzrhythmusstörungen mit dem Alter nicht schlimmer werden…

Blutarmut
Bleiche Gestalten gibt es natürlich auch im Drum&Bass-Universum, die gehören allerdings zu den hausgemachten Problemen. Man sollte nicht grundsätzlich ausschließen, dass die Relevanz von Drum&Bass tatsächlich und zwar aus musikinternenen Gründen nachgelassen hat: Vielleicht ist die Musik heute einfach schlechter als, sagen wir, 1996. Oder sie war 2002 schlechter als 1996 und 2008 zusammen und muss deshalb erst wieder Vertrauen gewinnen. Vielleicht war die Musik immer gut, nur die Parties sind schlechter geworden. Oder beides war mal schlechter. Ist es denn heute besser?
Das Bleichen der Musik durch Reduzierung der polyrhythmischen Elemente und durch Beschleunigung, durch das Wuchten von schweren Sound-Hanteln und das Zurückdrängen von Sampling als vorherrschender Produktionstechnik findet bereits seit Ende der 90er statt und äußert sich zur Zeit wohl am deutlichsten in einer Annäherung bestimmter Spielarten von D&B an (Nu-)Metal und Gabba. Man kann es verkürzt als Resultat des Wegfalls von „funk“ bei „Neurofunk“ beschreiben, aber das Problem geht tiefer und über Subgenregrenzen hinaus. Da wird der Arsch vom Kopf getrennt, der dann masochistische Phantasien entwickelt und übrig bleibt ein Körper, der sich nicht frei bewegt, sondern geschlagen werden möchte. Und je weiter der Bleichprozess voranschreitet, umso weniger interessant wird Drum&Bass als Nahrungslieferant für Technohausen. Denn weißes Zeug hat die Stadt genug.

Viele lose Enden, aber eins ist klar
Übrigens geht es nicht darum, Weißbrote zu rösten oder Schwarzbrot mit Honig zu beschmieren, sondern darum, dass es schlicht Geschichtsverfälschung ist, Drum&Bass von seiner BlackMusic-Tradition abschneiden zu wollen. Versucht man es doch, dann ist es halt nicht mehr Drum&Bass sondern seelenlose Scheiße. Nur wenn Drum&Bass mit seinen Brüdern und Schwestern tanzt, werden die Vampire vielleicht wieder angekrochen kommen. Nur, inzwischen wissen wir, wo ihre Gräber liegen…
Und vielleicht geben sie ja dann den einen oder anderen GinTonic aus.

Viele Grüße,
INTERFERENCE

gefunden im future-music.net forum


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